03.09.08

Die Wanderung der Germanen

Welche germanischen Stämme nahmen welchen Weg durch die Vorgeschichte Europas? Auf der interaktiven Europakarte können die langen Wanderungen der zehn großen germanischen Völker nachgeschaut und verglichen werden. Man erfährt hier auch, welche Schlachten und Hindernisse die Völker auf ihrem Weg meistern mussten. Die einblendbaren Grenzen des heutigen Europas helfen zudem bei der geografischen Orientierung.


Interaktive Karte [Flash]


Quelle: Planet-Schule.De

Nagel im Schädel: Trophäe der Kelten entdeckt

Einen menschlichen Schädel mit einem durchgeschlagenen, eisernen Nagel haben Archäologen bei Ausgrabungen nahe Kobern-Gondorf an der Mosel entdeckt. Wahrscheinlich handele es sich um den Schädel eines römischen Legionärs, den Kelten etwa 50 vor Christus nach einem Kampf als Trophäe aufbewahrten, teilte die Generaldirektion Kulturelles Erbe in Koblenz mit. Nach Angaben des Archäologen Axel von Berg ist es die erste Kopftrophäe, die so gut erhalten in Deutschland gefunden wurde. Europaweit seien den Experten nur wenige Vergleichsfunde dieser Art bekannt.

Von Berg hält es für denkbar, dass der Schädel zu einem Legionär der Truppen von Julius Cäsar gehörte. Bei ihren Feldzügen gegen Gallien seien die Römer 55 und 53 v. Chr. im Neuwieder Becken unterwegs gewesen, um den Rhein zu überqueren. Der Brunnen, in dem der Schädel entdeckt wurde, gehörte zu einem spätkeltischen Gehöft. Bei den Kelten sei es üblich gewesen, die Köpfe der im Kampf erschlagenen Gegner als Trophäen an die Portale der Häuser zu nageln

Quelle: Welt.de

Die spinnen wirklich, die Multi-Kulti-Römer

Sie waren die Herrscher der Welt, doch dann zerbrach das Römische Reich. Die Ausstellung "Rom und die Barbaren" in der Kunsthalle Bonn zeigt, wie die Multikulti-Kultur entstand – und Historiker Alexander Demandt erklärt auf WELT ONLINE ihr Scheitern. Am Untergang hatten vor allem die Germanen Schuld.„Rom und die Barbaren – Europa zur Zeit der Völkerwanderung“ in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn bis zum 7.12.2008

Zu allen Zeiten lebten Völker unterschiedlicher Kulturstufen nebeneinander. Wenn heute in Industriestaaten von „Entwicklungsländern“ gesprochen wird, so gleicht dies einer Sichtweise, die schon bei den antiken Griechen üblich war. Sie nannten ihre Nachbarn, die keine Städte, keine Schrift, keine feste Staatsordnung besaßen und ein unverständliches Idiom sprachen „Barbaren“ – Leute die Blabla reden. Zu ihnen zählten zunächst auch die Italiker, bis sich die Römer nach griechischem Muster zivilisiert hatten. Sie übernahmen den Barbarenbegriff und verwandten ihn vornehmlich für die Völker im Norden, für Kelten und Germanen.

Durch die Romanisierung Galliens seit Caesar verlor sich der barbarische Charakter der Kelten, doch blieb er bei den Germanen erhalten, da deren Unterwerfung nicht gelang. Seit dem Kimbernkrieg 105 v. C. wurden die Germanen zweihundert Jahre von den Römern besiegt, ohne dass die Gefahr aus dem Norden gebannt worden wäre. Eine Erklärung dafür suchte der römische Historiker Tacitus in seiner unschätzbaren „Germania“ in der urwüchsigen, naturnahen Lebensweise der Barbaren, in ihrer körperlichen Abhärtung, ihrem kriegerischen Sinn, ihrem Kinderreichtum und ihrer Lernbereitschaft, kurz in jenen Eigenschaften, die den überzivilisierten römischen Großstadtmenschen abhanden gekommen waren.

Zwei Mittel um mit den Germanen umzugehen

Das Germanenproblem geht zurück auf die frühesten Berührungen zwischen den beiden Völkern. Bereits Caesar hat es gesehen und mit jenen beiden Mitteln zu lösen versucht, die mal im Wechsel, mal zugleich für die römische Germanenpolitik bestimmend geblieben sind. Das eine Mittel war kriegerisch: Abwehr, Abschreckung, Abschottung der Grenzen. Das andere Mittel war friedlich: Aufnahme ins Reich, Anwerbung für den Wehrdienst, Öffnung der Grenzen. Welches Mittel, durchgehend angewandt, ein gedeihliches Zusammenleben auf Dauer bewirkt hätte, darüber waren sich die antiken Zeitgenossen ebenso wenig einig wie die modernen Historiker.

Es fragt sich eben, ob in der Politik eher Konsequenz oder eher Flexibilität zum Ziele führt, und wo die Grenze der Zumutbarkeit liegt, wenn es um den Wehrdienst der Bürger oder um die Aufnahme von Fremden geht. Integrieren sich diese, bereichert dies den Staat. Bilden sich Subkulturen, entsteht Sprengstoff. Klar ist Roms Ende: der Einmarsch der Germanen, die Auflösung des Imperiums und ein Niedergang des kulturellen und zivilisatorischen Niveaus.

Die Abschreckungsmaßnahmen begannen mit Caesars zweimaligem Rheinübergang. Es folgten die groß angelegten Versuche unter Augustus, die Elbgrenze zu erreichen. So wie die Gallier, glaubte man auch die Germanen romanisieren und zivilisieren zu können. Das aber scheiterte, keineswegs nur wegen der Heldentat des Arminius im „Teutoburger Wald“. Germanien besaß keine durchgehenden Wasserwege von West nach Ost, die den Verkehr und die Versorgung der Legionen ermöglicht hätten.

Germanien besaß auch keine Bergstädte wie die Kelten, mit deren Erstürmung und Besetzung feste Punkte der Herrschaft geschaffen wären. Germanien besaß schließlich auch keine erkennbaren Metallvorkommen oder andere Bodenqualitäten, die einen vollen Einsatz des römischen Militärs ökonomisch gerechtfertigt hätten. All dieses bewog Augustus, das kostspielige Annexionsprojekt aufzugeben, die Legionen hinter den Rhein zurückzuziehen.

Germanen wurden mit Germanen bekämpft

Unter Marc Aurel um 160 fielen die Markomannen und Quaden beutemachend in Italien ein, die Kämpfe zogen sich über vierzehn Jahre. Wie die Marcus-Säule zeigt, bekämpfte Aurel wiederum Germanen mit Germanen. Aber der Krieg endete unentschieden. Die Grenze blieb die Donau.

Im dritten Jahrhundert bildeten sich mit den Stammesverbänden der Alamannen, Franken und Sachsen neuartige große Kampfgemeinschaften im Westen, die Gallien, Norditalien und Spanien plünderten, während im Osten Goten und Heruler die Donauländer und Kleinasien heimsuchten. Durch den engen Kontakt mit den Römern hatten die Germanen ihre Taktik und ihre Bewaffnung modernisiert: Die Nordmänner trugen nun Eisenschwerter, vielfach aus römischer Produktion.

Sie übernahmen die lange verpönten Fernwaffen, entwickelten Nadelspitzpfeile gegen Kettenhemden, panzerbrechende Streitäxte gegen Schild und Helm, so dass sie nun den Römern auch in offener Feldschlacht erfolgreich begegnen konnten. Die Kämpfe nach Marc Aurel fanden zumeist auf römischem Boden statt, wenn auch einzelne Kaiser jenseits des Rheins Vergeltung übten. „Da nun die Barbaren unser Land durchtoben, herrscht überall Unsicherheit“, so schrieb Hieronymus im Jahre 380.

Schon Caesar warb germanische Reiter ab

Neben den militärischen Abwehrmaßnahmen haben die Kaiser von Anfang an auch eine friedliche Germanenpolitik betrieben. Bereits Caesar hat germanische Reiter angeworben. Sie kämpften bald auf allen Schlachtfeldern, selbst für den Judenkönig Herodes. Augustus und die Kaiser hielten sich eine germanische Leibwache, die „Löwen“ (leones).

Abgesehen von der Einberufung germanischer Krieger haben die Römer Germanen in erheblicher Zahl ins Reich aufgenommen. Unter Nero wurden mehr als 100.000 Anwohner der Donau samt ihren Fürsten, Frauen und Kindern im Reich angesiedelt. Marc Aurel belohnte die Donaubarbaren je nach ihrer Haltung zu Rom mit Geld und Land, mit Steuerfreiheit und Bürgerrecht. „Zahllose Barbaren“ holte er ins Reich.

Im 3. Jahrhundert beginnt die eigenmächtige Landnahme der Alamannen und der Franken links des Rheins. Trotzdem ging die Politik der Ansiedlung und Anwerbung weiter. Rom war allzeit fremdenfreundlich, hatte aber mit den am Schwarzen Meer angesiedelten fränkischen Gefangenen kein Glück. Diese unverschämten Germanen kaperten Schiffe der Donauflotte, entkamen auf hohe See, durchquerten die Meerengen, plünderten Samos und den Piräus, setzten Syrakus und Karthago in Schrecken, segelten durch die Straße von Gibraltar und den Golf von Biskaya und erreichten frohgemut die Heimat in Holland.

Immer mehr Barbaren kamen ins Reich

Unter Diocletian und Constantin um 300 n. Chr. kamen weitere Barbaren ins Reich. Rom gewann damit Söldner, Siedler und Steuerzahler, doch setzte das eine stabile Lage voraus, das heißt eine deutliche Überlegenheit Roms, wie denn überhaupt das multikulturelle Zusammenleben verschiedener Völker klare Machtverhältnisse erfordert, um die Rivalitäten zwischen den Gruppen in Schach zu halten.

Anderenfalls erliegen diese der Versuchung, die Rangordnung festzustellen, und es kommt zu Auseinandersetzungen, die Opfer fordern und einen politischen Umschlag mit sich bringen können. In Rom ist das schließlich geschehen. Die Rheingrenze hielt bis zum Jahresbeginn 407, als Vandalen, Alanen, Sweben und mitziehende Pannonier in Gallien einfielen und nicht mehr zu bezwingen waren.

Die veränderte Machtlage hatte fatale Konsequenzen für die Einbürgerungspolitik. Die zu Abertausenden im Reich lebenden zumeist unfreien Germanen machten gemeinsame Sache mit den Landsleuten von draußen. In hellen Scharen liefen die Bergleute auf dem Balkan, die Sklaven von Rom und die Landarbeiter in Spanien zu den Goten, zu ihren Befreiern, über und halfen beim Plündern.

Weder Abwehr noch Ansiedlung lösten die Probleme

Die römische Germanenpolitik war in beiden Varianten gescheitert: weder die Abwehr noch die Ansiedlung lösten das Problem. Das Imperium Romanum war ein Vielvölkerstaat. Aberdutzende von Stämmen wurden assimiliert und integriert. Dauerprobleme gab es nur mit den Juden und den Germanen. Mit den Juden wurde man fertig, mit den Germanen nicht. Das Verhältnis zwischen den Römern und Germanen ist von Anfang an geprägt durch gegenseitigen Respekt.

Die Römer achteten die naturwüchsigen Sitten der Germanen, das Urteil von Tacitus und 300 Jahre später von Salvianus stimmt wesentlich überein. Auch die Freiheitsliebe der Germanen fand Anerkennung, wenn sie auch chaotische Züge zeigte. Stets bewunderte Rom die robuste Wehrkraft der Nordleute, freilich oft auch ein Grund zur Furcht. Aber man konnte diese Kerle mit den langen Beinen gebrauchen.

Umgekehrt faszinierte die Germanen Roms kultureller Glanz, der Reichtum in den Provinzen und die Größe des Imperiums. Sie dienten den Kaisern ohne Bedenken auch gegen ihre eigenen Landsleute. Trotz ihrer schließlich offenkundigen Überlegenheit im Felde verstanden sich die Germanen ohne Einbuße an Selbstachtung als Schüler der Römer, übernahmen zivilisatorische Errungenschaften, wählten Latein als Schriftsprache. Nur an das Leben in Städten konnten sie sich nicht so recht gewöhnen.

Die eigentlich optimale Ergänzung hätte zu einer für beide Völker fruchtbaren und friedlichen Synthese führen können. Das ist auf der politischen Ebene misslungen. Stattdessen ist die Geschichte ihrer Beziehung eine einzige Folge von Versuchen, eine solche Symbiose zu schaffen. Sie missriet. Die Germanenreiche auf dem Boden des Imperiums sind zugrunde gegangen. Gehalten hat sich nur das Frankenreich in Gallien, das aber die römische Tradition nur in erheblich verkürzter Form fortführen konnte.

Die Translatio Imperii auf die Franken, die Romzüge der deutschen Könige zur Kaiserkrönung durch den Papst, die Idee des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – all diese Ansätze sind irgendwann gescheitert. Dieses Resultat stimmt trübsinnig; doch beruht das auf der Erwartung, dass es in der Politik Dauerlösungen geben könne oder gar müsse. Dagegen spricht alle historische Erfahrung.

Der Autor ist Historiker und hat mit „Der Fall Roms“ das Standardwerk zum Untergang des Römischen Reichs geschrieben.


Quelle: Welt.de / Alexander Demandt

02.09.08

Die Habsburger 8v12

Im Banne der Revolution – Reform von oben
„Große Dinge müssen mit einem Schlage verwirklicht werden": Die Erklärung Josephs II. ist eine Kampfansage an den bisherigen Regierungsstil. 15 Jahre lang war Joseph Mitregent, ab 1780 trägt der „aufgeklärte Despot“ und „Revolutionär von Gottes Gnaden“ allein die Verantwortung. Joseph II. beseitigt die Leibeigenschaft und führt das Toleranzpatent ein, er löst Kirchen und Klöster auf, um die Seelsorge in tätige Sozialhilfe umzuwandeln. In Wien gründet er das erste Allgemeine Krankenhaus, kaiserliche Parks und Jagdreviere macht er für die Öffentlichkeit zugänglich. Staat und Gesellschaft sollen per Dekret erneuert werden. Am Ende muss er jedoch die meisten seiner Erlässe wieder zurücknehmen. „Ich habe nichts getan als nur gewollt", schreibt er zuletzt voll Bitterkeit. Joseph II. stirbt 1790 im Alter von 49 Jahren. Der Josephinismus aber wird ihn überleben – als österreichische Spielart eines staatlich gelenkten Fortschritts und einer geistig aufgeschlossenen Bürokratie. Was Kaiser Joseph II. geplant hat, verwirklicht sein jüngerer Bruder Leopold im Herzogtum Toskana. Ebenso entschieden, doch ohne Fanatismus setzt er seine Vorhaben um: etwa die Abschaffung der Todesstrafe und die Reform der Landwirtschaft. In 25 Regierungsjahren gestaltet er die Toskana zu einem Musterstaat. Die fortschrittlichen Söhne Maria Theresias können ihre Länder vor einer Revolution bewahren, die 1789 über Frankreich hereinbricht. Maria Theresias Tochter Marie-Antoinette hingegen stirbt in Frankreich unter der Guillotine.


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2.9.1192: Dritter Kreuzzug beendet

Der Waffenstillstand zwischen dem englischen König Richard I. Löwenherz und dem Sultan von Ägypten und Syrien, Saladin, beendete den Dritten Kreuzzug. Die Gegner unterzeichneten einen Friedensvertrag mit fünfjähriger Gültigkeit. Darin wurde festgelegt, dass die Küste zwischen Jaffa und Akko in christlicher Hand blieb. Das muslimische Jerusalem sollte christlichen Pilgern zu Besuchen offen stehen. Nach dem Fall Jerusalems im Oktober 1187 hatte Papst Gregor VIII. in einer Enzyklika zum Dritten Kreuzzug ins Heilige Land aufgerufen. Neben Richard Löwenherz leisteten Kaiser Friedrich I. Barbarossa und der französische König Philipp II. Augustus dem Aufruf Folge. Barbarossa ertrank in Kleinasien, Philipp und Richard eroberten zusammen die Stadt Akko.

Biografie des englischen Königs Richard Löwenherz.

An den Flüssen von Babylon

Der junge Mann platzte vor Stolz: Kaum angekommen, hatte er in dem Schutthaufen, der einst Babylon gewesen war, ein hübsches Terrakottafigürchen der Göttin Istar gefunden, und das war sogar mit Keilschriftzeichen versehen! Als er es seinem Kollegen Robert Koldewey präsentierte, dem Leiter der babylonischen Ausgrabung, meinte der, als echter Archäologe müsse der junge Mann nun aber auch die Schriftzeichen entziffern. Eifrig setzte sich der Novize hin und förderte mit Hilfe der Keilschriftliste einen babylonischen Text zutage, den er aber nicht übersetzen konnte. Er lautete "U du ri-nu-zi-ru-uz".

Die Arbeit mit dem sicherlich genialen, aber wohl recht exzentrischen Koldewey muss anstrengend gewesen sein, nicht zuletzt durch dessen Neigung zu Scherzen auf Kosten von Mitarbeitern und Besuchern. Dem jungen Friedrich Wetzel etwa, später ein bedeutender Archäologe, wurde ein Tonzylinder untergejubelt, dessen Inschrift Wetzel brav studierte, bis er im Inneren des Zylinders unter einer Lehmschicht ein paar Zigaretten fand und die Botschaft "Nebukadnezar seinem lieben Wetzel". Und den fünf Mitgliedern einer bibelfesten Sekte, die das Grabungsgelände besichtigen wollten, zeigte Koldewey ganz ernsthaft die Überreste des berühmten Feuerofens, die originale Löwengrube Daniels sowie Belsazars Thronsaal, wo einst das "Mene mene tekel" an der Wand erschienen war.

Mythos Babylon

Dumme Witze mit leichtgläubigen Opfern? Natürlich, aber damit erschöpft es sich nicht. Denn Koldewey kämpfte einen langen Kampf gegen ebensolche Erwartungen, die an ihn herangetragen wurden, die Wünsche, nun auch wirklich das in der Bibel Beschriebene vor die Nase gehalten zu bekommen, und die er in solchen Scherzen persiflierte. Der 1855 im Harz geborene Sohn eines Zollbeamten, studierte Architekt und Kunsthistoriker war seit 1899 Grabungsleiter in Babylon, wo er für die Deutsche Orient-Gesellschaft die Überreste einer der schillerndsten und verfemtesten Städte der Weltgeschichte freilegte. Der Mythos Babylon, den jetzt eine große Ausstellung im Berliner Pergamonmuseum heraufbeschwört, hatte zu Koldeweys Zeiten das Interesse an dieser Grabung entscheidend geprägt. Natürlich half ihm das bei der Durchführung, es nötigte ihn aber auch, fortwährend darüber zu publizieren, selbst wenn die Zeit seiner Meinung nach dafür noch längst nicht reif war.

Babylon: Für die gebildete Öffentlichkeit war das der Ort, wo der despotische Nebukadnezar herrschte, der Jerusalem zerstören ließ und die Bevölkerung deportierte, bis sie nur noch "an Wasserflüssen Babylons" saß und weinte. Der Ort des gotteslästerlichen Turmbaus, der auf den Himmel zielte, bis der solcherart Attackierte die Sprache der Bauleute verwirrte und sie sich in ihrer gemeinsamen Arbeit nicht mehr verständigen konnten. Später avancierte die Stadt zur "großen Hure", namentlich zum "Sündenbabel", und dass sie dann unterging, war aus dieser Perspektive ein reiner Segen.

Die reale Stadt

Allerdings bildete sich die moralische Entrüstung über Babylon zu einer Zeit heraus, in der man über die reale Stadt so gut wie nichts mehr wusste. So ist die archäologisch fassbare Wahrheit Babylons, der sich die Berliner Ausstellung in ihrer anderen Hälfte widmet, mit dem Mythos oft nur schwer unter einen Hut zu bringen.

Babylon: Das war das Großreich, das im zweiten vorchristlichen Jahrtausend in Mesopotamien entstand, das durch die Keilschrift geprägt war und aus dem mit dem Kodex des Königs Hammurapi eine der ersten Gesetzessammlungen überliefert ist. Ein Reich, in dem die Literatur blühte, dessen urbane Kultur sich gegen äußere Feinde gut behauptete, dessen Sprache und Schrift auch in entfernten Ländern verstanden wurde, das sich den Wissenschaften wie Mathematik, Medizin und Astronomie verschrieben hatte, dessen Einfluss auf andere Völker wuchs und allmählich schwand, bis es nach der letzten Blüte im siebten und sechsten vorchristlichen Jahrhundert politisch bedeutungslos und immer mehr zum Mythos wurde. Der für Mythen besonders empfängliche Makedonierkönig Alexander tat ein Übriges, indem er Teile des zentralen Tempels abräumen ließ und dann in Babylon im Jahr 323 vor Christus starb, bevor er sich dem Wiederaufbau widmen konnte.

Babels Turm

Besonders schön zeigt sich diese Diskrepanz zwischen Mythos und Wahrheit etwa bei den Darstellungen des Turms: Seit Pieter Bruegels Gemälde von 1563 stellte man sich das Bauwerk in seinen Umrissen eher rund, in seiner Außenfläche sehr uneinheitlich vor. Erst Koldeweys Grabung brachte den Nachweis der streng viereckigen Form des dem babylonischen Stadtgott Marduk geweihten Heiligtums im Tempelbezirk E-temen-an-ki. Rekonstruktionen, die sich auf archäologische Befunde stützen, zeigen eine fünfgeschossige Anlage in Pyramidenform, auf deren oberster Plattform ein deutlich zurückgesetzter, wiederum zweigeschossiger Tempel thront. Eine große Freitreppe führt außen zur zweiten Plattform hinauf und erinnert mit ihren klaren Konturen so gar nicht an all die verwinkelten Steigen, mit denen sonst in der Bruegel-Nachfolge die jeweiligen Türme erschlossen werden.

Koldeweys bahnbrechende Leistung bestand darin, dass er sich dezidiert den städtischen Strukturen widmete und Methoden entwickelte, um aus den vorhandenen Gebäuderesten einigermaßen plausibel die versunkene Stadt zu rekonstruieren - auf dem Papier und teilweise auch physisch (siehe "Rechtsläufige Schlangendrachen"). Während von den Archäologen seiner Zeit spektakuläre Funde erwartet wurden, womöglich ein zweiter "Schatz des Priamos", grub Koldewey 18 Jahre lang beharrlich aus, was von babylonischen Tempeln und Palästen, Stadtmauern und Wohnvierteln zu finden war. Unterstützt wurde er in der Interpretation der Funde unter anderem durch die auf Keilschrifttafeln festgehaltenen zeitgenössischen Schilderungen Babylons, auf denen auch die Namen bestimmter Tempel und Viertel stehen. Andererseits erwies sich dabei, dass Herodots berühmter Babylon-Bericht nicht unbedingt zuverlässig ist.

Zuletzt Stationierungsgebiet amerikanischer Truppen

Koldewey, der fließend Arabisch sprach und nach Ansicht seiner Umgebung zunehmend die Sitten des Gastlandes annahm, verließ seine Grabung während all der Jahre nur ungern in Richtung Deutschland. Und wenn er nicht 1917 vor der nahenden britischen Armee hätte fliehen müssen, hätte er wohl noch erheblich länger gegraben. Er wurde Kustos an den Berliner Museen, kümmerte sich um die Publikation seiner Grabungsergebnisse (sein Buch mit dem programmatischen Titel "Das wieder erstehende Babylon", das bis zu seinem Tod 1925 in vier Auflagen erschien, ist eine äußerst fesselnde Lektüre) und nahm an einigen deutschen Grabungen teil, etwa auf Rügen. Er wurde 1921 pensioniert und starb vier Jahre später - Weggefährten vermuteten, dass er seine Gesundheit im Wüstenklima Mesopotamiens ruiniert hätte, berichteten aber auch von kruden Experimenten Koldeweys, in denen er etwa herausfinden wollte, wie viel Tabak, Alkohol oder Feuchtigkeit sein Körper vertragen könne.

Was er an Funden auf dem Grabungsgelände zurücklassen musste, gelangte später durch Verhandlungen zum großen Teil nach Berlin und bildet heute einen wesentlichen Teil der vorderasiatischen Sammlung im Pergamonmuseum. Das verlassene Gelände Babylons musste dagegen viel über sich ergehen lassen, zuletzt die Stationierung von Truppen nach dem Sieg über Saddam Hussein. Am Ende waren nicht nur Schäden an jahrtausendealten Tonziegelreliefs zu beklagen, sondern auch tiefe Gräben im Untergrund, angelegt für militärische Zwecke. Koldeweys Nachfolger werden es dort nicht leicht haben.

Die Ausstellung „Babylon. Mythos und Wahrheit“ ist vom 25. Juni bis zum 5. Oktober im Berliner Pergamonmuseum zu sehen. Der reichhaltige zweibändige Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen. Der von Ralf-B. Wartke herausgegebene Sammelband „Auf dem Weg nach Babylon. Robert Koldewey - Ein Archäologenleben“ erscheint im Verlag Philipp von Zabern.“ Michael Jursas Einführung „Die Babylonier“ ist bei C.H. Beck erschienen.

Quelle: Faz.Net

01.09.08

1.9.1422: Heinrich VI. König von England

Nach dem Tod seines Vaters Heinrich V. wurde der neun Monate alte Heinrich Plantagenet aus dem Hause Lancaster als Heinrich VI. König von England. Das Land stand zunächst unter dem Protektorat seines Onkels Johann von Lancaster. Dieser setzte Ansprüche des Minderjährigen auf den französischen Thron durch, und Heinrich wurde zum Nachfolger Karls VI. proklamiert. 1429, nach der Niederlage Englands gegen die Truppen von Jeanne d'Arc, wurde sein Gegenspieler Karl VII. zum König von Frankreich gekrönt. Heinrich heiratete 1454 die französische Prinzessin Margarete von Anjou. In den Folgejahren kam es zum so genannten Rosenkrieg zwischen den Häusern Lancaster und York um den englischen Thron, in dessen Verlauf Heinrich 1460 abgesetzt wurde. 1470 noch einmal Herrscher, wurde er 1471 im Londoner Tower ermordet.